Gegen das Vergessen.

Stolpersteine Gegen das Vergessen in Neu-Isenburg

Liste der Stolpersteine


Frankfurter Straße 19
Familie Goldmann (vier Steine)

Max Goldmann und Rosa Goldmann (geb. Müngelgrün) lebten seit 1910 in Neu-Isenburg. Sie stammten aus dem heutigen Polen. Die Goldmanns mieteten in der Frankfurter Straße 26 eine Wohnung. Einige Jahre später zogen sie in die Frankfurter Straße 19, wo sie im Erdgeschoss auch ein Ladengeschäft mieteten.

stolperstein neu-isenburg max goldmann





Am 14. September 1912 wurde ihr Sohn Willi geboren, zweieinhalb Jahre später, am 13. März 1915, ihre Tochter Johanna. Familie Goldmann war in Neu-Isenburg gut integriert. Die Eltern pflegten rege Geschäftsbeziehungen und auch viele Freundschaften zu nicht-jüdischen Neu-Isenburgerinnen und Neu-Isenburgern. Die beiden Kinder gingen in Neu-Isenburg in den Kindergarten und zur Schule.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung änderte sich die Situation rasch. Johanna Goldmann berichtete später:„Frühere Mitschüler, mit denen ich viele Jahre gemeinsam die Schule besucht hatte, benahmen sich nach 1933 von heute auf morgen so, als sei ich über Nacht aussätzig geworden. In Geschäften rief man sich in meiner Gegenwart unflätige Bemerkungen zu, um mich zu treffen, und auf der Straße wurde ich angepöbelt. Der Gerechtigkeit wegen möchte ich hier aber auch unseren treuen Freund Georg Arnoul erwähnen, der als einziger Isenburger bis zu unserer Auswanderung in unser Haus kam. Auch unser Hauswirt Christian Häfele […] hielt treu zu uns bis zum letzten Augenblick.

Rosa, Jahrgang 1887, kam um die Wende zum 20. Jahrhundert als junges Mädchen nach Offenbach, wo sie im Haushalt ihres älteren Bruders lebte. Der Bruder vermittelte ihr eine Ausbildungsstelle in der Frankfurter Jüdischen Haushaltungsschule.
Dort lernte sie die große deutsch-jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim kennen, die wenige Jahre zuvor in Neu-Isenburg das Heim „Isenburg“ für alleinstehende jüdische Mädchen, unverheiratete Schwangere und junge Mütter gegründet hatte. Offenbar schätzte Bertha Pappenheim Rosa Müngelgrün, denn sie stellte sie nach Abschluss ihrer Ausbildung als Haushälterin in ihrem Privathaushalt ein.Während eines Besuchs bei ihrem Bruder in Offenbach lernte Rosa Müngelgrün Max Goldmann kennen, der gerade in seiner Meisterprüfung zum Schuh- und Orthopädieschuhmacher stand.
Die jungen Leute verliebten sich.
1910 heirateten Max und Rosa Goldmann. Sie zogen, nicht zuletzt auf Betreiben von Bertha Pappenheim, nach Neu-Isenburg.
Bertha Pappenheim hoffte auf Rosa Goldmanns Unterstützung im Heim „Isenburg“.

1933 verlor der 20-jährige Willi Goldmann seine Arbeitsstelle. Da er für sich im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft mehr sah, entschloss er sich noch im selben Jahr zur Emigration. Im Juli 1933 erhielt der begeisterte und erfolgreiche Turner über den Frankfurter Jüdischen Turnerbund und mit einer Empfehlung des Vorsitzenden des Palästinaamtes in Frankfurt ein Einwanderungszertifikat
für Palästina. Zwei Wochen später hielt er das Einreisevisum in denHänden. Ende August 1933 verließ Willi Goldmann Deutschland.
Max, Rosa und Johanna Goldmann blieben zunächst in Neu-Isenburg, bis Willi sie 1935 nachholte.
Max Goldmann starb 1943 in Palästina, Rosa Goldmann 1974 in Israel. Willi Goldmann nahm als einer der ersten vertriebenen jüdischen Neu-Isenburger in den 1970er Jahren wieder Kontakt zu seiner Geburtsstadt auf und pflegte diesen bis zu seinem Tod in Tel Aviv im Dezember 1989. Johanna Goldmann, verheiratete Glenn, starb ebenfalls in Tel Aviv.

Johanna verdankte die Ausreise und damit ihr Leben vor allem Bertha Pappenheim. Willi Goldmann konnte von Palästina aus ein Anforderungszertifikat nur für die Eltern beanspruchen, da ein Familienvisum nur für Kinder bis zum 18. Lebensjahr galt, Johanna aber schon 20 Jahre alt war.
Durch Vermittlung von Bertha Pappenheim trug der englische Generalkonsul in Frankfurt Johanna einfach in das Visum der Eltern ein. Die englischen Einwanderungsbeamten in Palästina entdeckten die Manipulation, ließen Johanna jedoch einreisen.


Frankfurter Straße 32 Isaak Cahn, Gitella Cahn, Lion Schott, Selma Schott (geb. Cahn) und Charlotte Schott (fünf Steine)

Isaak Cahn wurde am 19. Januar 1864 in Irresheim (Nordrhein-Westfalen) geboren. Über seine Jugend ist nichts bekannt. Am 14. November 1888 heiratete er in Sprendlingen Bertha Goldschmidt. Am 13. November 1896 zog er mit ihr und den vier gemeinsamen Kindern – Moritz (19.01.1890), Hermann (16.09.1891), Selma (24.04.1893) und Gitella (14.05.1895) – nach Neu-Isenburg in die Frankfurter Straße 32. Dort betrieb er gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Lion Schott, Selmas Ehemann, ein Geschäft für „Manufakturwaren“.
Haus und Grundstück in der Frankfurter Straße 32 wurden 1938 – inzwischen im Besitz der Töchter Gitella Cahn und Selma Schott – zwangsverkauft.

stolperstein isaak cahn neu-isenburg

Isaak und Gitella Cahn sowie die Familie Schott – neben Selma ihr Mann Lion Schott und die am 15. Februar 1930 geborene Tochter Charlotte – bewohnten 1941 in dem Haus gemeinsam noch eine Wohnung mit drei kleinen Räumen (insgesamt 22 qm für fünf Personen). Wie aus einem amtlichen Dokument hervorgeht, übernachteten die weiblichen Familienmitglieder wegen Raummangels zunächst im Heim des Jüdischen Frauenbundes, und zwar im Haus Taunusstraße 9. Im Frühjahr 1941 erfolgte die zwangsweise Einweisung der beiden Familien in das Haus Taunusstraße 7 (Heim des Jüdischen Frauenbundes). Schotts planten zu diesem Zeitpunkt die Auswanderung über Lissabon (Mitteilung einer Tante 1971). Es sollte nicht mehr dazu kommen! Die Familie wurde im September 1942 über Deportationssammelstellen in Darmstadt deportiert. Isaak Cahn wurde am 26. September 1942 nach Darmstadt in das jüdische Altersheim (Rosenthalsche Klinik) gebracht, das als Deportationssammelstelle für ältere Menschen diente. Am nächsten Tag wurde er in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Dort starb er am 29. September 1942.

stolperstein gitella cahn neu-isenburg

Gitella Cahn (14.05.1895)

Gitella Cahn, Lion Schott, seine Frau Selma und ihre Tochter Charlotte wurden am 30. September 1942 deportiert, vermutlich in das Vernichtungslager Treblinka.
Am 31. Dezember 1945 wurden sie vom Amtsgericht Offenbach für tot erklärt.

stolperstein  lion schott neu-isenburg

Schwiegersohn Lion Schott – ermordet im Vernichtungslager Treblinka

stolperstein selma schott neu-isenburg

Ehefrau von Lion Schott – Selma Schott (24.04.1893) – ermordet im Vernichtungslager Treblinka

Tochter von Lion und Selma Schott – Charlotte Schott. Ermordet im Vernichtungslager Treblinka


  • Frankfurter Straße 45
    Amalie Jonas (geb. Strauß),Trude Fischer (geb. Jonas),Irma Regine Mayer (geb. Jonas)(drei Steine)
  • Amalie Jonas wurde am 1. März 1882 in Dreieichenhain geboren. Ihre Eltern waren der Schuhmachermeister Ruben Strauß (1850- 1935) und seine Ehefrau Friederike, geborene Strauß. Während der Weimarer Republik war Amalies Vater Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Dreieichenhain. Ruben und Friederike Strauß starben Mitte der 1930er Jahre. Sie sind auf dem Jüdischen Friedhof in Dreieichenhain beerdigt. Amalie wuchs mit ihren Eltern und mehreren Geschwistern in ihrer Geburtsstadt auf. Nach der Schule arbeitete sie als Verkäuferin. Am 17. Januar 1907 heiratete Amalie Strauß in Neu-Isenburg den Kaufmann Leopold Jonas, geboren am 9. Oktober 1874 in Rödelheim (ab 1910 Stadtteil von Frankfurt am Main). Das Ehepaar eröffnete in der Frankfurter Straße 45 ein Schuhgeschäft. Leopold Jonas starb jedoch früh. Im Alter von 44 Jahren erlag er am 15. Oktober 1918 in Frankfurt am Main einer Bronchopneumonie. Damals, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, stand er im militärischen Dienst als Gefreiter der Königlich-Preußischen Flieger Ersatz-Abteilung 9.
stolperstein neu-isenburg - amalie jonas

Amalie Jonas blieb mit zwei Töchtern im Alter von 10 und 4 Jahren zurück. Sie führte das Schuhgeschäft bis zu seiner Zerstörung während des Novemberpogroms 1938 weiter.
In einer Zeugenbefragung des Metallarbeiters und Gewerkschafters Alfred Welz vom 22. Januar 1977 zur Situation der Neu-Isenburger Jüdinnen und Juden nach dem Boykott-Aufruf heißt es:
„Von Anfang an haben Leute von den Nazis dagestanden und haben photographische Aufnahmen von den Isenburgern gemacht, die in die jüdischen Läden gingen, zum Beispiel bei Frau Jonas in das Schuhgeschäft, oder bei Pscherowski in das Kleidergeschäft, oder auch in das Kleidergeschäft von Strauß. Die Leute sind also photographiert worden und dann in dem braunen Blättchen der Nazis bekannt gemacht worden. Bei den Juden war am besten zu kaufen. Die haben dem kleinen Mann geholfen. Die Juden waren nicht teurer wie ein anderes Geschäft auch und man konnte die Waren 50 Pf.-weise bezahlen. Und gerade die meisten Nazis hatten Schulden bei Pscherowski, dem sie dann das Häuschen angesteckt haben in der Reichskristallnacht … Dann haben sie bei Frau Jonas die Schuhe herausgeschmissen. Einer hat drinnen gestanden am Hackklotz und hat die Schuhe verhackt.“ (aus: Rebentisch/Raab, Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand, Neu-lsenburg 1978, Dokument 21).
Am 16. Mai 1939 floh Amalie Jonas nach Amsterdam. Sie wurde nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen im Mai 1940 im Lager Westerbork interniert und am 17. März 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.

stolperstein neu-isenburg  trude fischer

Trude Fischer (geb. Jonas), die am 3. Mai 1914 geborene Tochter von Amalie Jonas, war bereits 1936 nach Amsterdam geflohen (dieselbe Adresse wie ihre Mutter) und hatte dort den am 5. August 1905 in Wien geborenen Walter Fischer geheiratet (Datum der Eheschließung unbekannt). Das Ehepaar wurde 1942 im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

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Irma Regine Meyer (geb. Jonas), Trudes ältere Schwester, geboren am 3. Januar 1908, verheiratet mit dem Kaufmann Arnold Meyer (geb. 31. März 1905 in Frankfurt), konnte am 15. Juni 1939 nach England entkommen, ihr Mann bereits vier Monate früher. Beide lebten später in den USA.

Angehörige konnten bis jetzt noch nicht ausfindig gemacht werden.


  • Frankfurter Straße 46
    Adelheid und Josef Drehlich (zwei Steine)

Josef Drehlich war 20 Jahre alt, als er 1919 aus Polen nach Deutschland auswanderte. Er lebte zunächst bei einem Onkel in Frankfurt, bevor er sich 1921 in Neu-Isenburg niederließ. In seiner neuen Heimatstadt mietete er eine kleine Schneiderei, in der er im Auftrag von Frankfurter Textilunternehmen Kleidung fertigte. Bis zum Jahr 1924 hatte er sich beruflich so weit etabliert,dass er eine Maß- und Konfektionsschneiderei eröffnen konnte. 1929 verlegte er das Geschäft in größere Räume in die Frankfurter Straße 46, wo er und seine nicht-jüdische Ehefrau Adelheid dann auch lebten.
Vor 1933, so Josef Drehlich in einem späteren Interview, spürte er in Neu-Isenburg keinen Antisemitismus, sondern fühlte sich gut
integriert. Erste Anfeindungen brachte der Boykott gegen die Geschäfte jüdischer Inhaber am 1. April 1933. SA-Posten zogen vor Frankfurter Straße 46, Wohn- und Geschäftshaus von Josef Drehlichs Ladentür auf, beschmierten die Schaufensterscheiben und übermalten das Ladenschild. In den Jahren bis 1938 kam es zu weiteren Belästigungen. So wurden Kundinnen und
Kunden beschimpft, weil sie bei Drehlichs einkauften. Viele NeuIsenburgerinnen und Neu-Isenburger kamen dennoch weiterhin in Josef Drehlichs Geschäft, manche allerdings heimlich durch den Hintereingang.
Eines Abends Ende Oktober 1938 betrat ein Polizeibeamter den Laden und forderte Josef Drehlich auf, Kasse zu machen und zur
örtlichen Polizeistation mitzukommen. Dort warteten bereits andere polnischstämmige, jüdische Neu-Isenburgerinnen und Neu-Isenburger.
Das polnische Parlament hatte im Frühjahr 1938 aus Angst vor einer Massenrückkehr polnischer Jüdinnen und Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland ein Gesetz verabschiedet, mit dem allen längerfristig im Ausland lebenden Staatsangehörigen die Staatsbürgerschaft entzogen werden konnte. Das Gesetz betraf im Deutschen Reich ca. 30 000 Menschen. Anfang Oktober
forderte die polnische Regierung alle Polinnen und Polen im Ausland auf, ihre Pässe beim Konsulat mit einem Kontrollvermerk versehen zu lassen. Andernfalls drohe ihnen der Verlust der Staatsbürgerschaft. Als dies in Berlin bekannt wurde, erhielten Ende Oktober tausende polnischer Jüdinnen und Juden einen Ausweisungsbefehl, wurden verhaftet und in Sammeltransporten zur deutsch-polnischen Grenze abgeschoben.
Die Neu-Isenburger Jüdinnen und Juden mussten eine Nacht auf der Polizeiwache verbringen, bevor sie am nächsten Tag zum Frankfurter Hauptbahnhof gebracht und zusammen mit etwa 3000 anderen Personen nach Beuthen verschleppt wurden. Vom Bahnhof aus wurden sie dort – meist schwer mit Gepäck beladen – von der Gestapo ins Niemandsland getrieben. Da die polnischen Behörden jedoch den meisten die Einreise verweigerten, wurde Joseph Drehlich schließlich nach Frankfurt zurücktransportiert.
Einige Wochen später ermordete in Paris der junge Jude Herschel Grynszpan den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath. Dieses Ereignis nutzte die deutsche NS-Regierung am 9. November 1938 zur Inszenierung eines Pogroms gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland.

stolperstein neu-isenburg josef drehlich

Am 10. November wüteten auch in Neu-Isenburg nationalsozialistische Einwohner gegen ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Am Nachmittag wurde Josef Drehlich erneut verhaftet. Was dann geschah, berichtete er später bei einem Besuch in Neu-Isenburg:
„Wenig später wurde meine Frau aufgefordert, die Wohnungstür über dem Laden zu öffnen. Als sie dies nicht tat, wurde die Tür aufgebrochen. Anschließend wurde sie aus der Wohnung gejagt und entschloss sich, zu ihrer Schwester nach Frankfurt zu fahren.
Danach wurde […] die Wohnungseinrichtung zerstört, die Möbel mit roher Gewalt zerhackt und sämtliches Geschirr zerschlagen. Es war keine Tasse mehr ganz. Auch aus dem Laden wurde die gesamte Ware weggebracht und die Ladeneinrichtung demoliert. Als die Täter damit begannen, die Fenster zu zerschlagen und das Haus zu zerstören, ist der Hauswirt eingeschritten. Währenddessen war ich mit mehreren anderen […] eingesperrt. Plötzlich wurden Herr Schott und ich aufgefordert, herauszukommen. Wir
mussten auf der ganzen Frankfurter Straße die Glasscherben zusammenkehren, in Mülltonnen füllen und wegräumen. Diese Tonnen waren ungeheuer schwer, und ich litt noch nach Wochen an Rückenschmerzen […]. Nachdem ich auf die Polizeiwache zurückgebracht worden war, musste ich die ganze Nacht dort bleiben […]. Nachts darauf wurde […] meine Ware, die man mit einem LKW nach Offenbach transportiert hatte, im Großen und Ganzen vollständig, aber teilweise beschmutzt, zurückgebracht.“
1939 wurde Josef Drehlich schließlich aus Deutschland ausgewiesen. Ende Juli reiste er nach London. Obwohl er keine Arbeitserlaubnis hatte, fand Josef Drehlich eine Anstellung in einer Schneiderwerkstatt und erhielt ein
Jahr später eine offizielle Arbeitsgenehmigung. Der Neuanfang in England – ohne Kenntnis der Landessprache – war für das Ehepaar Drehlich sehr schwer. Zu allem Unglück wurden Adelheid und Josef Drehlich auch noch bei einem der ersten deutschen Luftangriffe auf London ausgebombt. Aber sie kamen mit dem Leben davon,
wohingegen Josef Drehlichs Mutter und seine drei Schwestern mit ihren Familien in Auschwitz ermordet wurden.

Frankfurter Straße 46
Adelheid und Josef Drehlich (zwei Steine)

Adelheid Drehlich,
konnte erst später nachkommen, da sie noch auf ihr Visum warten musste.


  • Frankfurter Straße 61
    Erna (geb. Müller) und Max Pscherowski (ein Stein)

Das Haus Frankfurter Straße 61 gehörte dem Schneider Max Pscherowski (12.10.1896- 03.06.1955), der aus Polen stammte. Zusammen mit seiner nicht-jüdischen Ehefrau Erna (Ernestine Louise Lina), geborene Müller, führte er während der NS-Zeit im Erdgeschoss des Hauses ein Ladengeschäft.

Erna Pscherowski war eine gebürtige Neu-Isenburgerin evangelischen Glaubens. Sie kam 1896 zur Welt.
In den ersten Jahren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme blieben Max und Erna Pscherowski von Diskriminierungen
und Angriffen weitgehend verschont. Zwar versuchten SA-Männer mehrfach, die Kundschaft am Betreten des Ladens zu hindern,
aber das Geschäft lief trotzdem weiterhin gut. Max Pscherowski hatte seinen Kundinnen und Kunden – meistens Arbeiterinnen und Arbeiter – schon immer gute Zahlungsbedingungen gewährt, so dass sie ihm in dieser Situation treu blieben. Manche betraten das Geschäft ostentativ, andere nur noch abends im Dunkeln durch den Hintereingang.
In den Jahren 1937 und 1938 verschärfte sich die Situation. Das Haus wurde mit antisemitischen Parolen beschmiert, der Umsatz des Geschäftes ging spürbar zurück. Im Herbst 1938 erlitten Max und Erna Pscherowski ein ähnliches Schicksal wie Josef Drehlich.
Im Oktober wurden sie verhaftet und mussten die Nacht zusammen mit anderen Neu-Isenburger Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit auf der Polizeiwache verbringen. Von Frankfurt aus wurden sie am nächsten Tag an die polnische Grenze deportiert. Da der polnische Staat die Grenze jedoch gesperrt hatte, mussten sie in Beuthen 17 Stunden in der Kälte des Oktobers auf dem Bahnhof warten, bevor sie schließlich wieder nach Neu-Isenburg zurücktransportiert wurden. Als Max und Erna Pscherowski nach Hause kamen, war ihr Auto beschädigt, im Haus waren alle Wasserhähne abgeschraubt und der Strom war abgestellt.
Während des Novemberpogroms 1938 zerschlugen im Haus von Max und Erna Pscherowski junge Neu-Isenburger auf Befehl ihres
SA-Führers die Schaufensterscheiben und das Ladentransparent.
Vergeblich versuchte Max Pscherowski weitere Übergriffe zu verhindern. Um sich nicht der Gefahr von Misshandlungen auszusetzen, versteckte er sich schließlich bei einer befreundeten Familie und verließ später für einige Tage die Stadt. Was danach geschah, wird in der Urteilsbegründung eines Nachkriegsprozesses vor dem Landgericht Darmstadt dargestellt:
„[…] Inzwischen hatte sich die Straße mit Menschen gefüllt und eine Gruppe vorwiegend junger Menschen war durch die hinten gelegene Haustür in das Anwesen Pscherowskis eingedrungen. Dort befand sich […] seine […] Frau, die noch einige Wertgegenstände holen wollte […]. An ihrem Vorhaben, die bereits vorher bereitgestellten Koffer mitzunehmen, wurde sie gehindert […] unter der Äußerung: ,Mach, dass du herauskommst, du Judenmensch!‘ […]. Die in das Haus Pscherowskis eingedrungene Menge […] zertrümmerte die […] Scheiben und […] die Einrichtungsgegenstände […]. Nachdem die Zerstörungen […] längere Zeit gedauert hatten, erschien der Angeklagte Z. […] und betrat das Anwesen Pscherowskis. Dort veranlasste er alsbald die Räumung des Hauses, wobei er ankündigte, dass es angesteckt würde. […] Benzin wurde gebracht und im Hausflur derart ausgegossen, dass es über eine kleine Treppe in den Laden hineinlief. Sodann wurde das Benzin in Brand gesetzt. Währenddessen hatte man […] in die Seitenwand des Hauses ein Loch gestoßen anscheinend um dem Feuer Luft zuzuführen.“ (aus: Rebentisch/Raab, Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand, Neu-Isenburg 1978, S. 263)
Erna Pscherowski wurde in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und erst wieder freigelassen, als ihr Haus abgebrannt war. Nach dem Pogrom wies die Ortspolizeibehörde dem Ehepaar im Haus der jüdischen Familie Cahn in der Frankfurter Straße 32 einen Raum zu. Aus Deutschland fliehen wollte Max Pscherowski nicht, denn er fühlte sich hier zuhause und hoffte, dass der Antisemitismus bald wieder abebben würde.

stolperstein neu-isenburg - max pscherowski

Im Juni 1939 wurde Max Pscherowski aus Deutschland ausgewiesen und floh nach Belgien. Da er kein Geld mehr hatte, unterstützte ihn in Belgien zunächst die Heilsarmee. Nachdem die Deutsche Wehrmacht Belgien besetzt hatte, musste Max Pscherowski Zwangsarbeit als Schneider bei der Organisation Todt leisten. Als er eines Tages mit dem Einkaufen von Stoffen beauftragt wurde, kehrte er nicht mehr in das Arbeitslager zurück, sondern tauchte in Belgien unter. Max Pscherowski überlebte im Untergrund.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Pscherowski nach Neu-Isenburg zurück und betrieb hier wieder eine Schneiderei mit Ladengeschäft in der Frankfurter Straße, zunächst im Haus Nummer 30, ab 1954/55 wieder in der Frankfurter Straße 61. Max Pscherowski starb am 3. Juni 1955.
Erna und Max Pscherowski hatten sich während der NS-Zeit scheiden lassen. 1946 heiratete Erna den 1912 geborenen Ludwig Segelmann. Das Ehepaar lebte bis zum Ende der 1960er Jahre in der Neu-Isenburger Bahnhofstraße und später in Sprendlingen.


  • Hirtengasse 18
    Anna und Salomon Luks (ein Stein)
Stolperstein Neu-Isenburg Hirtengasse 18
Salomon Luks (ein Stein)

Der Schuhmacher Salomon Luks lebte zusammen mit seiner nicht-jüdischen Ehefrau Anna und dem gemeinsamen Sohn in der Hirtengasse 18. Er wurde am 8. September 1902 in der schlesischen Stadt Pilica geboren. Über seine Biographie ist wenig bekannt.

Salomon Luks floh im April 1939 nach Shanghai, wo er ein Jahr später starb.


  • Friedensallee 78
    Hedwig Jacobi (ein Stein)
Stolperstein Neu-Isenburg Friedensallee 78
Hedwig Jacobi (ein Stein)

Hedwig Jacobi wurde am 17. März 1892 in Worms geboren. Sie wohnte bis zum 17. Mai 1935 in Neu-Isenburg, Bismarckallee 78 (heute Friedensallee). Danach zog sie nach Offenbach.
Um 1930 unterrichtete sie an der Mädchenfortbildungsschule in Egelsbach. Auf ihrer Einwohner-Meldekarte ist für den 27. Oktober 1942 ein erneuter Wohnortswechsel eingetragen: „abgemeldet ohne Angabe des neuen Wohnsitzes“. Dieses Datum ist falsch. Wahrscheinlich wurde Hedwig Jacobi am 27. September 1942 zwangsweise nach Darmstadt gebracht. Am 30. September 1942 wurde sie von dort aus deportiert, vermutlich nach Treblinka.


  • Taunusstraße 32
    Willy Schlamm, Else Schlamm, Herta Metzger (geb. Schlamm) und Regina Schlamm (geb. Kahn) – (vier Steine)

Willy Schlamm wurde am 14. Januar 1882 in Gembitz (heute Gebice/Polen) geboren. Er wohnte zunächst in Frankfurt und zog am 31. Juli 1909 nach Neu-Isenburg in die WaldstraßWilly Schlamm war in erster Ehe mit Jenny Bodenheimer verheiratet. Am 1. Mai 1914 zog das Ehepaar mit der am 2. Juli 1911 geborenen Tochter Else in die Stoltzestraße 56, am 1. April 1916 in die Westendstraße 70 – inzwischen war am 10. Juni 1915 die zweite Tochter Herta geboren – und schließlich am 1. April 1917 in die Taunusstraße 32.
Willy Schlamm war Schreinermeister und Mitinhaber einer Möbelschreinerei. Der Gewerbebetrieb befand sich anfangs in der Waldstraße 61 und später in der Wilhelm-Leuschner-Straße 78.
Schlamm beschäftigte zwei Gesellen oder Gehilfen und ein bis zwei Lehrlinge. Er stellte hauptsächlich Möbel für die Frankfurter Möbelgeschäfte Weiss, Köstrich und Mühlschwein her, fertigte aber auch Einzelstücke nach Maß auf Wunsch der Kundschaft
(Auszug aus der eidesstattlichen Erklärung seiner Tochter Herta Metzger). Am 2. August 1924 starb Jenny Schlamm, am 8. April 1926 heiratete Willy Schlamm Regina Kahn.
Die Familie, d.h. Willy Schlamm, seine Frau und die Tochter Else aus erster Ehe, wurde am 1. April 1939 aus der Wohnung Taunusstraße 32 aus- und in eine Notwohnung in der Ludwigstraße 63 eingewiesen. Diese Wohnung bestand aus einem Zimmer und einem Abstellraum, in dem auch gekocht wurde. Die Familie konnte dorthin nur zwei Betten, zwei Stühle und einen Tisch sowie Wäsche mitnehmen. Die übrigen, nach Zeugenaussage der Tochter Herta wertvollen, von ihrem Vater selbst gefertigten Möbel der 4-Zimmer-Wohnung wurden auf die Straße gestellt und dort von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt abgeholt. 1941 wurde die Wohnung in der Ludwigstraße 63 zwangsgeräumt (das Gebäude existiert heute nicht mehr) und das Ehepaar in das Heim des Jüdischen Frauenbundes eingewiesen.

stolperstein willy schlamm neu-isenburg

Am 17./18. September 1942 wurde Willy Schlamm laut Melderegister „n.d. Osten“ abgeschoben. Von der Deportationssammelstelle Darmstadt aus wurde er am 30. September 1942 nach Treblinka deportiert. 1945 wurde Willy Schlamm offiziell für tot erklärt.

stolperstein else schlamm - taunusstraße - neu-isenburg

Else Schlamm, geboren am 2. Juli 1911, war geistig behindert. Sie lebte bis 1939 in ihrer Familie, danach in der Heil- und Pflegeanstalt Herborn. Am 25. September 1940 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Gießen verschleppt, die als Sammelstelle für den Transport in die Tötungsanstalt Brandenburg diente. Dort wurde Else Schlamm am 1. Oktober 1940 unmittelbar nach der Ankunft ermordet.

stolperstein herta metzger  - taunusstraße - neu-isenburg

Herta Metzger, geborene Schlamm (Ort und Datum der Eheschließung unbekannt), Else Schlamms jüngere Schwester, geboren am 10. Juni 1915, konnte 1937 in die USA entkommen.
Angehörige konnten bis jetzt noch nicht ausfindig gemacht werden.

stolperstein regina schlamm - taunusstraße - neu-isenburg

Regina Schlamm. Ermordet in Treblinkka


  • Schillerstraße 18
    René und Helene Weiß (geb. Lucas), Richard und Eva Weiß (vier Steine)

René und Helene Weiß wohnten mit ihren beiden Kindern Eva und Richard in der Schillerstraße 18. Richard und Eva besuchten in Neu-Isenburg bis 1934 die Volksschule. Der 1924 geborene Richard, der 1930 eingeschult wurde, war das einzige jüdische Kind in seiner Klasse. Er spürte während seiner Schulzeit keinen Antisemitismus in Neu-Isenburg, sagte aber später in einem Interview, dass seine drei Jahre älteren Schwester darunter gelitten habe.
1934 nahmen sie Richard und Eva aus der Volksschule und ließen sie zusammen mit anderen jüdischen Kindern in Frankfurt von der Katholikin Dr. Leonore Rapp privat unterrichten. Bei ihr lernten sie u.a. Englisch, um sich im Aufnahmeland besser verständigen zu können.
Ende Februar 1936 reiste die Familie über München nach Triest und von dort mit dem Schiff nach Palästina. Sie ließ sich in Haifa nieder. In den ersten Monaten musste sie sich in einem einzigen Zimmer zusammendrängen, konnte aber nach einigen Monaten eine größere Wohnung beziehen, nachdem René Weiß einen Arbeitsplatz bei einer englisch-jüdischen Bank gefunden hatte. Die Existenz der Familie war damit gesichert. Die 16-jährige Eva zog bald allein nach Jerusalem, um sich zur Säuglingspflegerin ausbilden zu lassen.
Den Kriegsbeginn in Europa verfolgte die Familie Weiß am Radio.
Aber auch in Palästina waren sie mit Gewalt und Unruhen konfrontiert. Militante Araber, die sich von der jüdischen Einwanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina bedroht fühlten, griffen die jüdischen Siedlerinnen und Siedler immer wieder an.
René und Uri Weiß halfen bei der Bewachung der jüdischen Siedlungen und Konvois. Uri diente ab 1945 in der britischen und später in der israelischen Armee. Als Soldat kämpfte er 1948, 1956, 1967 und 1973 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.
1951 heiratete Uri Weiß Dora, eine junge Jüdin aus Polen, die vier Jahre in nationalsozialistischen Lagern Zwangsarbeit hatte leisten müssen. Doras Familie wurde in der Shoah teilweise ausgelöscht.
Ihre kleine Schwester Merka wurde der Sechzehnjährigen bei der Ankunft im Lager Plaschow bei Krakau gewaltsam entrissen und vor ihren Augen erschlagen. Nur Doras Mutter und die Schwester Rachel überlebten. Die Mutter wurde jedoch nach Kriegsende bei antisemitischen Ausschreitungen in Polen erschlagen.
Die Familie Weiß fand nach der Vertreibung aus Deutschland in Israel eine neue Heimat. René, Helene und Eva Weiß starben dort.

stolperstein rene weiss - - schillerstraße - neu-isenburg

René Weiß, Jahrgang 1890,
war Bankangestellter, seine sechs Jahre jüngere Ehefrau betreute den Haushalt und die Kinder.

stolperstein helene weiss - - schillerstraße - neu-isenburg

Helene und René Weiß schätzten die Lage in Deutschland realistisch ein und entschlossen sich bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, mit ihren Kindern nach Palästina auszuwandern.

stolperstein richard weiss - - schillerstraße - neu-isenburg

Richard, der nach seiner Emigration den jüdischen Vornamen Uri trug, war zwölf Jahre alt, als die Familie in Palästina ankam. Er lernte schnell, Hebräisch zu sprechen, die Schriftsprache bereitete ihm hingegen Probleme. In Deutschland hätte er voraussichtlich das Gymnasium besuchen können, in Palästina war ihm das, wie er später berichtete, wegen seiner Sprachprobleme nicht möglich. Er erlernte den Beruf des Maschinenschlossers und arbeitete zunächst in einer Gießerei, zuletzt in der Metallverarbeitung in einem Labor der Technischen Hochschule von Haifa.

stolperstein eva weiss -  schillerstraße - neu-isenburg


  • Stoltzestraße 8
    Johanna Schönmann (geb. Stern) – (ein Stein)
stolperstein neu-isenburg - johanna schönmann - stoltzestraße

Über Johanna Schönmann ist sehr wenig bekannt. Sie wurde am 2. Mai 1877 in Klein-Wallstadt (Unterfranken) als Tochter von Herz und Bettina Stern geboren. Sie war Händlerin und lebte in Neu-Isenburg bis 1937 in der Moltkestraße 8 (heute Stoltzestraße). Am 1. Februar 1937 zog sie nach Frankfurt in die Schumannstraße 4, zuletzt Liebigstraße 53, um. Sie wurde mit unbekanntem Ziel deportiert.


  • Zeppelinstraße 10
    Heim des Jüdischen Frauenbundes
    (ehemals Taunusstraße 9) Stolperschwelle (Eingang zur Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim heute Zeppelinstraße 10)
Stolperschwelle vor dem Berta Pappenheim Haus
Stolperschwelle vor dem Berta Pappenheim Haus. Die Stolperschwelle vor dem Eingang zur Gedenkstätte für das Heim des Jüdischen Frauenbundes ist all den Frauen und Kindern gewidmet, die zwischen 1907 und 1942 im Heim „Isenburg“ gelebt haben und während des Zweiten Weltkriegs über verschiedene Zwischenstationen in nationalsozialistische Vernichtungslager deportiert und dort ermordet wurden. Viele der betreuten Frauen hatten nach ihrem Aufenthalt in Neu-Isenburg vor ihrer Deportation in verschiedenen deutschen Städten ein selbständiges Leben geführt. Die Kinder, die in den 1940er Jahren noch in dem Heim lebten, wurden mit der Schließung zu ihren Familien in ganz Deutschland geschickt oder in andere soziale Einrichtungen verlegt und von dort aus deportiert.
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